Wiedersehen am Weihnachtsbaum

In ihre Winterjacke gehüllt hastete Lina nach Hause, die Einkaufstüte schützend an sich gepresst. Der Regen prasselte heftig auf den Boden und verwandelte den frisch gefallenen Schnee um sie herum zu Matsch. Stirnrunzelnd wagte sie einen Blick darauf, während sie die Straße überquerte. So viel zu „schöne Weihnachtszeit“.
Flink schloss sie die Haustür auf und blieb kurz im Türrahmen stehen, um das weiße Nachbarhaus anzustarren. Ein vertrauter Schmerz ließ ihr Herz für einen Moment stehen bleiben. Das war das Haus ihrer besten Freundin Elena gewesen, bevor sie mit ihrer Familie nach Belgien gezogen war.
Wie um den Gedanken loszuwerden, schüttelte Lina den Kopf und zog fröstelnd die Tür hinter sich zu.
»Ich bin zuhause!«, rief sie und ließ die Einkaufstüte in der Küche liegen, bevor sie ihre durchnässte Jacke auszog und in ihr Zimmer trottete.
»Möchtest du nachher mit mir Plätzchen backen?«, ertönte die Stimme ihrer Mutter.
»Klar«, versicherte Lina lustlos und ließ sich auf ihr Bett fallen. Gedankenverloren starrte sie ihren Kalender an. Heute war der 23. Dezember. Morgen war Weihnachten. Kurz versuchte sie, sich irgendwie zu freuen, doch sie schaffte es nicht. Ohne Elena würde nichts mehr so sein wie vorher. Das war es jetzt schon nicht mehr. Seufzend stand Lina auf und sortierte den Blätterhaufen auf ihrem Schreibtisch. Irgendetwas musste sie ja schließlich tun. Wieder und wieder betrachtete sie eine Zeichnung, ordnete sie ihrem Thema zu und widmete sich der nächsten. Sie zeichnete gerne — einige Leute behaupteten sogar, sie hätte ein Talent dafür — und versuchte so oft wie möglich, ihre Gefühle in die Bilder einzubringen. Das waren zurzeit demnach zerbrochene Herzen, Tränen, die auf den Boden tropften, und dunkle Wälder. Und das alles nur, weil Elena umgezogen war. Sie konnte es selbst noch nicht ganz fassen. Irgendwann schreckte sie aus ihrer Trance, als ihre Mutter ihren Namen rief.
»Es ist Zeit! Lass uns backen!« Etwas motivierter sprang Lina auf und hüpfte in die Küche.

Blinzelnd öffnete Lina die Augen. Nur gedämpft nahm sie die Stimmen aus dem Flur wahr, während sie sich müde in ihrem Bett wand. Irgendwann stand sie auf und schaute auf die Uhr. Es war gerade erst zehn Uhr morgens. Nachdem sie sich gestreckt hatte, taumelte sie aus ihrem Zimmer und wurde sofort in den wohligen Duft der Butterplätzchen gehüllt. Doch schon als sie den Esstisch ansteuerte, fiel ihr auf, wie falsch sich das anfühlte. Früher war sie entweder morgens zu Elena gelaufen oder Elena zu ihr und dann hatten sie immer etwas Lustiges zusammen unternommen. Doch dieses Jahr würde das Lachen nur noch in ihren Erinnerungen stattfinden. Von Trauer übermannt setzte sie sich an den Tisch und wollte nach ihrem Buch greifen, als ihre Eltern sich zu ihr gesellten. Sie frühstückten gerade noch, als plötzlich ein lautes Poltern aus dem Flur ertönte. Linas Gabel blieb auf halbem Weg zu ihrem Mund stehen und fiel dann zurück auf ihren Teller. Eine furchteinflößende Befürchtung machte sich in ihr breit. Ist das etwa ein Einbruch? Langsam stand sie auf und wollte sich verstecken, als bereits laute Schritte ertönten. Mit zusammengebissenen Zähnen presste sie sich an die Wand hinter der Tür und schrie ihre Eltern stumm an, zu ihr zu rennen. Doch diese blieben entspannt sitzen und gönnten sich ihren Tee. In dem Moment, in dem Lina schon zu ihnen flitzen und sie wegzerren wollte, betrat die erste Person den Raum. Mit pochendem Herzen drehte Lina sich um und was sie erkannte, ließ sie für eine Sekunde mental in Ohnmacht fallen. Still musterte sie das dunkelblonde Haar und die blaugrauen Augen, die sie viel zu gut kannte. Dann stürzte sie sich in die Arme des Mädchens, von dem sie dachte, sie würde es erst in zehn Jahren wiedersehen.
»Du denkst doch nicht wirklich, dass ich dich einfach vergesse, oder?«, murmelte Elena grinsend und löste sich aus der Umarmung.
»Natürlich nicht«, versicherte Lina und blinzelte die Freudentränen in ihren Augen weg. Das war das beste Weihnachtsfest von allen!

L.J.